Eine Raupe will fliegen

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Ortsgruppe Gailingen

Eine Raupe will fliegen

Die Gailinger Ortsgruppe des BUND setzt sich für den Erhalt einer ökologisch vielfältigen, erholsamen Natur ein. Sie führt regelmässige Exkursionen durch und engagiert sich tatkräftig in der Landschaftspflege. Machen Sie auch mit! Damit die Raupe auch künftig zum Fliegen kommt!

Die Initiative «Pestizidfreie Kommune» ist auf gutem Wege

Bild aus: Das Magazin. Gailingen 1/2019.

Die Initiative «Pestizidfreie Kommune» des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) ist nach einem Beschluss des Gemeinderats in Gailingen angekommen. 

Auslöser für das Engagement ist das massive Insektensterben mit einem   Individuen- und Artenrückgang von bis zu 70 Prozent. Für unsere Umwelt sind dies dramatische Befunde. Insekten haben eine große Bedeutung als Bestäuber von Nutz- und Wildpflanzen, Verwerter von pflanzlichen Abfällen, Mithelfer zur Gewinnung fruchtbarer Böden und sie bilden, nicht zuletzt als Lebensgrundlage unzähliger Tierarten, auch für den Menschen einen essentiellen Baustein in der Nahrungskette.

Die Ursachen der ernsten Lage sind ausgemacht mit dem Klimawandel, der fortschreitenden Versiegelung der Landschaft, einer zunehmenden Lichtverschmutzung, dem Einsatz von Pestiziden (Sammelbegriff für Insektizide, Herbizide, Fungizide, teilweise verharmlosend als Pflanzenschutzmittel bezeichnet), sowie der hoch industrialisierten Landwirtschaft. So müssen gemäß gesetzlicher Bestimmungen lediglich 5 Prozent aller bewirtschafteten Flächen aus der intensiven Bewirtschaftung ausgenommen sein – bei weitem zu wenig, um den bedrohten Insekten eine tragfähige Überlebensgrundlage zu bieten. Dabei braucht der Patient Umwelt dringend Hilfe, denn schlussendlich sind wir alle betroffen, nicht nur die Insekten. In Gailingen begegnet man den Herausforderungen mit Eigeninitiative.

Seitens der Gemeinde sind Maßnahmen beschlossen, die vom BUND westlicher Hegau im Zuge der Vernetzung einzelner Biotope ausgearbeitet und gemeinsam mit Landwirten und Winzern umgesetzt werden. Beispielsweise der freiwillige Verzicht auf Pestizide für private Grundstücke, die Abtrennung einzelner Flächen von der intensiven Bewirtschaftung und damit deren Reduzierung, oder das Einrichten von Blühstreifen als Beitrag zur Vernetzung naturnaher Biotope. Warum ist der Einsatz von Pestiziden nicht unbedenklich? Die Untersuchungen der Zulassungsverfahren für Pestizide unterliegen dem Betriebsgeheimnis der jeweiligen Hersteller und können nicht kontrolliert werden. Auswirkungen des Endproduktes auf Bodenlebewesen, Wechselwirkungen mit anderen Mitteln, Fragen nach Zerfallsstoffen, Effekte und Reaktionen von Abbauprodukten usw. bleiben ungeprüft. Dabei wirkt sich der Einsatz des umstrittenen Glyphosats nachweislich nicht nur auf Schädlinge aus, sondern auch auf Nützlinge, ja selbst auf Bodenlebewesen, die unverzichtbar sind für dessen Qualität und damit die Wurzelentwicklung und Nährstoffaufnahme der Pflanzen. Die Schädigung der Kleinlebewesen führt zwangsläufig zum Einsatz von Düngemitteln für die Folgekulturen und weiterer Pestizide. Ein Teufelskreis.

Aus der Gruppe der Neonicotinoide (Insektengifte) reichen kleinste Mengen aus, um das Nervensystem und die Fortpflanzfähigkeit von Insekten stark zu schädigen. Doch auch hier werden nicht nur die Fraßfeinde vernichtet. Darüber hinaus wirken die Gifte systemisch, d.h. in der ganzen Pflanze verteilt, sind sie selbst noch in der Ernte nachweisbar und gelangen in die Nahrungskette. Die Folgen für den Menschen sind nicht direkt offensichtlich. Statistisch allerdings ist erkennbar, dass Risiken für Allergien, Krebs, embryonale Missbildungen und selbst vorzeitigen Tod bestehen. Experten sehen in Insektengiften eine globale Gefahr, deren Auswirkungen dem Klimawandel in nichts nachstehen. In Österreich wurde ein Verbot von Glyphosat zum Schutz der Bevölkerung beschlossen, in Frankreich ist Parkinson bei Landwirten seit 2012 als Berufskrankheit anerkannt. Das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung, dem Landwirtschaftsministerium unterstellt, konnte noch kein Pestizid als Auslöser von Krankheiten nachweisen und rechnet weiterhin mit langwierigen (vom Steuerzahler finanzierten) Untersuchungen. Sollte nicht aber der Hersteller die Unbedenklichkeit seiner Produkte zweifelsfrei nachweisen?

Als eine mögliche Antwort auf die Probleme empfiehlt der Weltagrarbericht explizit auch die Förderung kleiner, mittlerer und auf Vielfalt ausgerichteter Strukturen. Die Machbarkeit solcher Modelle belegt eine besondere Erfolgsgeschichte in unserer Schweizer Nachbarschaft. Roland Lenz, mehrfach ausgezeichneter Biowinzer in Uesslingen, bewirtschaftet 21 Hektar Rebflächen. Pestizide sind in seinem Familienbetrieb tabu (siehe auch Text unten). Dafür stehen 12 Prozent der Kulturflächen für eine bunte Mischung aus Naturwiesen und Hecken zur Verfügung. Unzählige Lebenstürme – Aufbauten, die Nützlingen wie Flor- und Schwebfliegen, Igeln, Vögeln, Spinnen und Wildbienen Heimat bieten – prägen das Bild neben Schafen, die das Mähen erledigen. Bei Lenz ist man überzeugt vom Synergieeffekt Natur und Wirtschaft. Die schöne Idylle erscheint fast unwirklich, vor allem wenn man erfährt, dass ein solches Konzept insgesamt weniger Arbeitsaufwand bei gleichzeitig besserem Ergebnis und höherem Profit bedeuten soll. Eine Kostprobe der Weine und ein Blick auf die Verkaufspreise sind Bestätigung genug. Auch in unserem eigenen Ort lassen sich gute Ansätze finden. Gemeinde- und Privatinitiativen, wie der Erhalt und Ausbau von Streuobstwiesen, Inseln mit Wildblumen, naturnahe Gärten und Biotope machen Hoffnung, in Gailingen. Lesen Sie unseren ausführlichen Bericht zum Weingut Lenz.

Hannes Vehrke, Mitglied im Vorstand des BUND Gailingen und Gemeinderat der SÖL

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