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Ortsgruppe Gailingen

Vielfältige Ökologie in Gailingen

Gailingen besitzt eine Vielzahl von schützenwerten Flächen und Arten. Das Bunte Laichkraut hielt man sogar für ausgestorben, bevor Naturschützer es im Staffelwald wieder entdeckten. Die Mitglieder des BUND Gailingen tragen zum Erhalt einer schönen und vielfältigen Landschaft bei.

Gefährdeter Artenreichtum

Pflegearbeiten im Gebiet Hellisried im Juni 2018: Abräumen der kanadischen Goldrute.

Nicht zuletzt aufgrund der klimatisch günstigen Lage am Südhang des Rauhenbergs finden wir in Gailingen auch heute noch einen großen Artenreichtum und viele seltene oder gefährdete Pflanzen- und Tierarten. Zum Teil kommen diese allerdings nur noch in sehr geringen Beständen vor und benötigen deshalb unsere besondere Aufmerksamkeit.

Die weitaus wichtigste Gefährdungsursache besteht in Gailingen im Verbuschen und Brachfallen der ehemaligen Wiesen. Dem wird inzwischen seit gut drei Jahrzehnten durch eine effektive Zusammenarbeit zwischen der BUND-Ortsgruppe, örtlichen Landwirten, dem Forst und den Naturschutzbehörden begegnet. So findet heute auf zahlreichen Flächen regelmäßig Biotoppflege statt. Jetzt können seltene, schon verschwunden geglaubte Arten wie die Pyramiden-Orchis, die Bocksriemenzunge, das Kleinblütige Fingerkraut oder das Bunte Laichkraut wieder stabile Bestände bilden. 

Wald

Meisenjunges im Apfelbaum. Die Fotografie von Gholamreza Sadeghzadeh entstand im Rahmen eines Fotowettbewerbes zum 30-jährigen Bestehen des BUND Gailingen.

Der Anteil des Waldes an der Gemarkungsfläche liegt in Gailingen mit 53 Prozent deutlich über dem Landesmittel (33%). Durch Aufgabe von Wiesennutzung auf den steilen Flächen oberhalb des Ortes ist er größer als noch um die  Mitte des vorigen Jahrhunderts. Ökologisch wertvoll sind besonders lichte, gestufte Waldränder (etwa mit Eiche, Elsbeere, Wildkirsche), die Insekten und Vögeln wesentlich mehr Lebensraum und Nahrung bieten als das oft eher eintönige Innere des Waldes. Wir finden sie etwa am Grütweg in Richtung Dörflingen.

Eine botanische Rarität gibt es am östlichen Gailinger Berg zu entdecken: Zusammen mit Leberblümchen und Frühlings-Platterbse blüht hier im März – manchmal sogar schon früher – das Kleinblütige Fingerkraut. Meist wird diese Pflanze für eine Walderdbeere gehalten; sie ist aber bei genauerem Hinsehen an den rosafarbenen Blüten und dem roten Blütengrund doch gut zu erkennen. Das Kleinblütige Fingerkraut ist in Baden-Württemberg auf den südwestlichen Hegau beschränkt; das Hauptvorkommen mit etwa 700 Pflanzen befindet sich in Gailingen.

An diesem Beispiel sehen wir auch, dass die Ränder der Waldwege, besonders kleine Böschungen, von einiger Bedeutung für den Artenschutz sind. Aus Naturschutzsicht ist es durchaus erwünscht, dass die Waldwege regelmäßig und breit ausgemäht werden. In früheren Zeiten waren die Wälder wesentlich lichter als heute; heute haben Arten wie das Kleinblütige Fingerkraut nur noch an den Waldwegen eine Chance, sich zu behaupten.

Im Staffelwald gibt es im Bereich der forstwirtschaftlich nicht mehr genutzten Steilhänge zum Rhein hin den in unserer Region größten Bestand an Wildapfelbäumen (ca. 30 Stück, Rote-Liste-Art), die in Kooperation mit dem Forst regelmäßig freigestellt werden, um nicht von den umgebenden Buchen verdrängt zu werden

Trockene Magerrasen

Führung mit Fritz Wassmann-Takigawa in die Magerwiesen bei Merishausen.

Besonders reich an seltenen Arten sind die Halbtrockenrasen am Gailinger Berg, die früher als Mähwiesen extensiv genutzt wurden und nach Aufgabe der Nutzung durch Verbuschen und die Ausbreitung des Waldes (z.B. Zitterpappel) stark gefährdet waren. Hier sieht man besonders gut, dass es uns mit der Biotoppflege nicht darum geht, unberührte Wildnis zu erhalten, sondern die Vielfalt einer alten Kulturlandschaft. Nur durch jahrhundertelange Bewirtschaftung ist der heutige Artenreichtum entstanden. Von Natur aus wäre der weitaus größte Teil des Gemeindegebiets von einem recht eintönigen Buchenwald bedeckt.

Die größte Besonderheit des Gailinger Bergs sind reiche Bestände der Bocksriemenzunge, eine in Deutschland sehr seltene, wärmeliebende Orchideenart aus dem Mittelmeerraum. Sie hatte lange Zeit ihren Schwerpunkt auf dem Jüdischen Friedhof, hat sich aber inzwischen – unterstützt durch einen günstigeren Mähzeitpunkt und die Klimaerwärmung – auf andere Flächen in Gailingen und sogar über den Rauhenberg in den Hegau hinein ausgebreitet. Interessant ist, dass die Riemenzunge den Wachstumszyklus ihrer südlichen Heimat auch bei uns beibehalten hat: Sie beginnt im September Blätter zu treiben und wächst über den Winter. Wenn sie im Mai ihre bis zu 80 cm hohen Blütenstände entwickelt, sind die Blätter meist schon vergilbt; im Sommer ist nur eine Knolle in der Erde vorhanden.

Anfang Mai finden wir am Waldrand das Mannsknabenkraut, etwas später das Helm-Knabenkraut und das schwertblättrige Waldvögelein. Fliegen-Ragwurz und Hummel-Ragwurz sind eher klein und unscheinbar. Ihre Blüten werden von den Männchen bestimmter Insektenarten bestäubt, die sie für ein Weibchen ihrer Art halten.

Während die vor einigen Jahren noch in wenigen Exemplaren vorhandenen Puppen-Orchis und Brandknabenkraut derzeit nicht mehr nachgewiesen werden können, ist die Pyramiden-Orchis mit ihrem auffallenden, leuchtend karminroten Blütenstand inzwischen gut und regelmäßig vertreten.
Auch die letzten beiden von ehemals fünf in Gailingen vorkommenden Enzianarten, der Deutsche Enzian und der Gefranste Enzian, sind seit den neunziger Jahren wohl durch die Klimerwärmung verschwunden. Vermutlich aus dem gleichen Grund ist auch der Bestand an Küchenschellen im «Genter» von mehreren hundert auf einige wenige zurückgegangen.

Bei der Neutrassierung der Landesstraße nach Randegg wurden auf Initiative des BUND die Böschungen nicht mit Humus bedeckt, sondern als Rohboden belassen. Durch Einbringen von Saatgut aus der Umgebung (z.B. Heu vom Jüdischen Friedhof) konnte ein wertvolles Biotop geschaffen werden für Pflanzen, die solche selten gewordenen, extremen Bedingungen lieben (z.B. Wundklee, Natternkopf) und die Vorbeifahrenden durch immer neue Blüten erfreuen.

Feuchtgebiete/Gewässer

Exkursion mit Peter Hunziker, Schaffhausen, Fachmann für die Rhein-Renaturierungen.

Im Gebiet «Bölderen» westlich des Dorfes finden sich sogenannte Hangquellriede, wo Quellwasser vom Berg flächig durch den Boden austritt. Solche Hangriede sind die Heimat einer ganzen Reihe spezialisierter Pflanzenarten, die heute meist als gefährdet gelten. Die Hangriede wurden früher meist als Streuwiesen genutzt, d.h. sie wurden im Winter gemäht, um Einstreu für den Stall zu bekommen. Als Futterwiesen sind sie uninteressant, da sie viele kieselsäurereiche Sauergräser enthalten, die das Vieh nicht frisst. An Rote-Liste-Arten sehen wir hier u.a. das Pfeifengras, die Weiße Sumpfwurz, das Breitblättrige und das Fleischfarbene Knabenkraut und andere. Auch vom einst in Menge vorhandenen Wollgras sind noch einige Exemplare zu finden.

Die Biotoppflege besteht hier zum Teil aus einer Beweidung durch Pferde und Zebus (Buckelrind), zum Teil aus einfacher oder mehrfacher Mahd, vor allem um Schilf und die Kanadische Goldrute zurückzudrängen, die sich hier besonders auf aufgegebenem Gartenland festgesetzt hat und innerhalb weniger Jahre angrenzende Streuwiesen völlig zerstören kann.

Im Osten Gailingens ziehen sich Riedflächen vom Ursprung des Schleifenbachs im Winkel über die Zürcher Wies und das Hellisried bis zur Auenwies. Hier werden regelmäßig einige Flächen gemäht, um einigen Orchideenarten oder der selten gewordenen Kriechweide das Überleben bzw. die Ausbreitung zu ermöglichen. Botanisch besonders reichhaltig ist die Auenwies, wo im Mai das Breitblättrige Knabenkraut in großer Zahl blüht.  

Im Schleifenbach gibt es noch den selten gewordenen Steinkrebs, der sehr empfindlich auf Verschmutzung reagiert und deshalb unbedingt vor entsprechendem Stoffeintrag zu schützen ist.

Offene, stehende Wasserflächen waren in Gailingen lange Zeit ziemlich selten. Riedflächen waren trockengelegt, Überschwemmungsbereiche durch Ausbau der Bäche beseitigt.

Durch die Neuanlage von Teichen in der Zürcher Wies, im Hellisried, in der Auenwies und beim Staffelbuck konnte die Artenvielfalt erhöht und Amphibien verbesserte Laichmöglichkeiten geboten werden. Auch die Teiche müssen natürlich in regelmäßigen Abständen ausgemäht werden, damit sie nicht verlanden. Im Staffelwald wurde seit den 90er-Jahren durch Forst und Naturschutz, unterstützt durch den Schaffhauser Vogelschutzverein «Turdus», eine ganze Reihe früherer Toteis-Löcher ausgebaggert und zu gern angenommenen Laichgewässern für Grasfrosch, Springfrosch, Laubfrosch, Wasserfrosch und Gelbbauchunke gemacht. Regelmäßige Zählungen der Laichballen zeigen in den letzten 20 Jahren eine Zunahme  der Amphibien um etwa 50 Prozent.

In einem der Staffelwald-Teiche fand sich vor einigen Jahren eine große Rarität: Das Bunte Laichkraut. Diese  Wasserpflanze galt für Baden-Württemberg lange Zeit als ausgestorben. Eberhard Koch vom BUND Gottmadingen entdeckte es neu. Jetzt hat Gailingen den einzigen bekannten Standort dieser Pflanze im ganzen Land.

Roman Döppler, BUND Gailingen

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